Machen wir ein Buch?

Reise, Sachbuch, Belletristik ...?
Alle interessanten Themen;
alles was bewegt.

Hier geht´s weiter!

Weiterleben

Body: 

Gott und Weiterleben

Tibetischer und lamaistischer Buddhismus

Kurzum: Gott, Individualität, Leben, Weiterleben, Erlösung – in allen diesen existentiellen Fragen ist der Buddhismus den Impulsen und Überlieferungen westlich geprägter Menschen geradezu diametral entgegengesetzt. Verstehen, eine authentische Begegnung sind möglich. Nur setzten sie eine lange, mühevolle Anstrengung und vor allem das Einlassen auf das Fremde, den eigenen Impulsen Widerstrebende voraus – nichts eigentlich für Menschen des Westens, solange sie, mit ihren Lebensformen tief unzufrieden, zugleich von sich nicht lassen wollen und können.

Indessen gibt es spätere Formen des Buddhismus, die den westlichen Wünschen weit mehr entgegenzukommen scheinen als der ursprüngliche. Unter ihnen erfreut sich der tibetische, der lamaistische Buddhismus derzeit der meisten Zuwendung. Er ist der Favorit des esoterischen Konsum-Buddhismus aus der Meditiationsboutique.

Die Wahl ist aus mehreren Gründen nachvollziehbar. Seit der chinesischen Besatzung ist der tibetische Buddhismus mit außergewöhnlich vielen, durchweg eindrucksvollen exilierten Vertretern im Westen gegenwärtig. Im Dalai-Lama hat er einen obersten Vertreter, von dem eine unvergleichliche geistige und moralische Autorität ausgeht, mehr vielleicht noch eine höchst anziehende, mit gütigem Witz und Selbstironie verbundene Menschlichkeit. Vor allem bietet der tibetische Buddhismus in seinem innersten Kern hinter einer vordergründigen Fassade eine subtile mystische Lehre.

Hier findet sich allerdings auch schon all das, was dem esoterisch geprägten Westen so gut zupaß kommt. Der tibetische Buddhismus ist religionsgeschichtlich eine Mischung aus verschiedenen, ihrerseits schon »gegenreformatorischen« Formen des »Mahajana«-Buddhismus mit Elementen der vorbuddhistische Bon-Religion. In ihn sind alle jene mythologischen Vorstellungen und magischen Praktiken wieder miteingeflossen, von denen sich der Buddha auf indischem Boden gelöst hatte. Er ist überaus farben- und formenreich. Er freut sich der Gerüche und der Töne. Die Sinne können feiern. Dazu verfügt er über spektakuläres Ritual, das mit Masken und Orakeln, Tänzen und Prozessionen, Pauken und Trompeten, Oberton- und Untertonvirtuosen selbst das üppigste katholische Hochamt zu einem kümmerlichen puritanischen Gottesdienst degradiert.

Wer Geschmack daran hat – und die esoterischen westlichen Weihrauchliebhaber und Räucherstäbchenfreunde haben ihn – kommt hier auf seine Kosten. Was wäre auch dagegen einzuwenden? Die Gebetsmühlen muß man ja nicht gleich ins Herz schließen. Die der Kirche entlaufenen Katholiken müssen sich nicht groß umgewöhnen. Für die Protestanten geht es endlich nicht mehr so karg, so asketisch zu.

Wenn man den tibetischen Buddhismus indessen auf einer so weitgegend veräußerlichten und zugleich mystifizierten Ebene aufnimmt, kann nur ein gründliches Mißverständnis die Folge sein. Die enttäuschte westliche Rationalität steckt ihren Kopf, den sie nur zu gerne verliert, in urälteste, doch für sie aufregend neue Fantasiehimmel und Höllen, in denen die Geister und Dämonen so eindrucksvoll ihr Wesen treiben wie einst Heilige und Teufel in ihren besten Zeiten. Das Mandala-Malen, das Mantra-Murmeln, die Karma-Astrologie, nicht zu vergessen die Verzückungen der Tantra-Liebe, wo jedem Götter-Macho seine hingebungsvolle Shakti mit ihrer aufnahmebereiten Yoni auf dem zuverlässig steil gegen Himmel gerecktem Lingam sitz – das ist doch aussichtsreicher als das mühselige jahre-, wenn nicht jahrzehntelange Atmen und Sitzen, am Ende noch ohne jede Erleuchtung!

Heil und Heilung

Und dann der alte Gleichgang von Heil und Heilung. Man braucht sich nur auf irgendeiner esoterischen Mustermesse zwischen Ambra-Kur und Amulett-Prophylaxe umzusehen: mehr Therapien als Krankheiten! Angesichts dieses Überangebots bleibt einem eigentlich gar keine andere Wahl mehr: man muß einfach heil werden.

Weil Heil und Heilung aber nach altem Brauch auch bei dem westlichen Subjekt, das mit den vergangenen Autoritäten abgeschlossen hat und zugleich neue sucht, irgendeines Heilands bedürfen, muß man nach dem Tod des alten guten Gottes und seiner Stellvertreter wenigstens einige Nachfolger finden. Mit anderen Worten: es ist die Stunde der Gurus gekommen. Auch hier Überangebote: mehr Meister als Jünger, mehr Hirten als Schafe.