Unsterblichkeit
Unsterblichkeit und ewiges Leben anders betrachtet
Reinkarnationsgymnastik
Götter nach dem Wunsch der Menschen
Diese Identitätsfixierung gilt um so mehr für die zeitliche Ausdehnung des Ichs, die das christlich geprägte westliche Subjekt früher »Unsterblichkeit, ewiges Leben« zu nennen gewohnt war. Daran mag es nicht mehr so direkt festhalten. Die Aufklärung hat insofern ihre Erosionsarbeit geleistet. Aber auf sein Weiterleben kann und will das liebe Ich ebensowenig verzichten. Es scheint so unendlich schwer zu ertragen, dass Leben ganz und gar sterbliches, endliches, vergängliches Leben ist. So begibt sich das westliche Subjekt auf den Weg der Wiedergeburt, wo es Identität und Wechsel, gleichsam Thema und Variation miteinander verbinden kann: ein wanderfreudiges Selbst, das ein anderes wird und doch dasselbe ist.
Denkt es an die Rückwärts- und Vorwärtsverlängerungen, die ihm jetzt möglich scheinen, wird es sich unendlich interessant. Welche Neugier auf sich kann es nun empfinden! Fortsetzungsserien von höchstem Unterhaltungswert deuten sich an: jetzt endlich kann es über die eigenen Eltern zurück in die Vergangenheit, über die eigenen Kinder hinaus in die Zukunft vordringen. Die psychotherapeutische Technik des »Rebirthing« nimmt es entschlossen wörtlich. Nach Art eines sowohl physischen wie metaphysischen »Survival-Trainings« schickt es sich zum »Revival-Training« an. Zu diesem Zweck ist ihm von der Reinkarnationsgymnastik bis zur Nah- und Ferntoderkundung, deren Schauplätze selbstredend um die der Ufologie und der extraterrestrischen Weizenfeldforschung erweitert werden können, keine Mühe zuviel.
Außerdem hat der esoterisch angepaßte Wiedergeburtsmythos den großen Vorzug, dass er auf keine blasse, kaum zu fassende jenseitige Unsterblichkeit im alten Sinn vertröstet, die nur unvorstellbare »Utopie«, »Anders-Orte« verheißen kann, sondern eine immanente, diesseitige Transzendenz mittels einer handgreiflichen Körperlichkeit verspricht. Dass der tibetische Buddhismus dabei, mit den bei Wiederauffindung seiner hohen Lamas in kleinen Kindern erprobten Identitätstests, das Feststellverfahren zugleich dramatisiert wie überhaupt ermöglicht, macht vielleicht seine größte Anziehungskraft aus. Diese Tests sind die Probe darauf, dass es hier keine ungedeckten Schecks auf die Ewigkeit gibt.
Wohl ist die Identifikation manchmal schwierig; Überraschungen, Komplikationen sind nicht auszuschließen, denn was sind schon Zeit und Raum, wo es um eine ganze Reinkarnation geht. Aber dafür gibt es ja Orientierungshilfen. Alle Totenbücher dieser Erde im Kopf, macht sich das esoterische westliche Subjekt nur zu einer weiteren Reise auf, von der es weiß, dass es niemals die letzte ist: Rucksacktourismus der Ewigkeit, das nötige Quantum an Karma im Gepäck.
In welchen Formen aber auch immer die Feier der Wiedergeburt entspringt einem Lebenswillen, mit dem das originäre Anliegen des Buddhismus auf das krasseste verfehlt wird, das westliche Subjekt hingegen auf den undurchsichtigen Pfaden der Esoterik, drapiert mit dem, was es in der Meditationsboutique zu guten Preisen erstanden hat, endgültig wieder bei sich angekommen ist. Dass das Leben Leiden sei, das die Ursache dieses Leidens der Durst nach Leben sei und dass man gut daran tue, sich von diesem Durst und seiner unablässigen Erneuerung zu befreien: davon will der Westen nun einmal am wenigsten wissen.
Wie er seine allerheiligste Identität in der Reinkarnation bejaht, so bejaht er seinen Lebenswillen, sein allerpositivstes »positives Denken« im Willen zur Wiedergeburt. Diese wird von einem Schicksal, mit dem sich das Leiden des Lebens fortsetzt, umgedeutet in eine Aussicht, die dem Leben Fortdauer, wenn nicht Steigerung verspricht. Ganz einfach: Schöner meditieren, schöner leben!
So haben sich alle esoterisch weitsichtigen Augen mit dem Licht, das ihnen aus dem Osten zu kommen schien, davon überzeugt, dass die Sonne des Lebens und vor allem die Sonne ihres Lebens wieder aufgeht. Warum sollten sie denn wünschen, dass irgendeines der Lichter am Himmel vollständig erlösche? Nein, hier findet das mit dem Buddha-Namen verknüpfte »vollständige Erwachen«, das mit dem buddhistischen Nirwana verbundene »vollständige Erlöschen« seine endgültige Grenze. Den Sonnenuntergang genießen kann das esoterische westliche Subjekt bei aller gelegentlichen Melancholie nur, wenn ihm der nächste Sonnenaufgang gewiß ist. Alles klar?
Gesellschaften, auch Individuen, schaffen sich den Gott oder die Götter samt Lehre, wie sie sie benötigen. So bemerkte der griechische Philosoph Xenophanes von Kolophon (570-480 v.Chr.) mit Erstauen, dass die Götter Afrikas eine platte Nase und eine dunkle Hautfarbe hätten, während die mitteleuropäischen blond und blauäugig seien, und er folgerte daraus, dass Pferde und Ochsen könnten sie malen ihre Götter eben als Pferde und Ochsen abbilden würden. Was das ist, das Menschen ihre geheimen Wünsche in Gestalt von Göttern in den Himmel projezieren läßt, können wir an dieser Stelle jetzt nicht mehr leisten.