Religion
Buddhismus auf thailändisch
Asiatischer Glaube
Religiöse Freiheit
Ungefähr neunzig Prozent der Thais sind Anhänger des Theravada-Buddhismus (Hinajana-Buddhismus), was den Alltag nachhaltig beeinflußt. Die Glaubenssätze dieser Religion lauten, grob vereinfacht, dass der Mensch dem teuflischen Wiedergeburtszyklus lediglich durch Wissen und Großzügigkeit entfliehen und so erst ins Nirwana gelangen kann. Erst dort findet der gläubige Buddhist seinen Endzustand der seligen Ruhe.
Die Dogmen des Buddhismus sind übrigens größtenteils dem Brahmanismus, Vorläufer des Hinduismus, entlehnt. Der Buddhismus verbreitete sich ab dem dritten Jahrhundert vor Christi Geburt in Thailand und verdankt seinen heutigen Einfluß missionierenden Mönchen: der indische Kaiser Ashoka (267-227 v. Chr.) hatte diese mit dem entsprechenden Auftrag nach Südostasien entsandt. Die Religion wurde im Königreich Siam abgewandelt, d.h. mit zahlreichen Geistern und Dämonen ausgeschmückt. Auf dem Konzil zu Vaischali (um 380 v.Chr.) waren bereits erhebliche ideologische Differenzen innerhalb des Ordens zutage getreten. Folge war eine Spaltung in die beiden »Fahrzeuge« (Richtungen) des Hinajana- und Mahajanabuddhismus.
Gegenüber dem Brahmanismus war der Buddhismus häretisch, weil er mit der religiösen Autorität des Weda, der ältesten Schriftensammlung Indiens, brach. Der Weda (Sanskrit: Wissen), bestehend aus vier Teilen, wurde von heiligen vorzeitlichen Sehern, den Rischis, niedergeschrieben. Der Buddhismus übernahm jedoch die Wiedergeburtslehre wer sieht sich nicht gerne verewigt? sowie die qualitative Bestimmung jeder neuen Existenz durch das Karma. Je nach gutem oder bösem Karma, das durch gute oder böse Taten angesammelt wird, erlangt der Mensch nach seinem Tode eine neue oder gute Existenz. Von der Erlösungslehre der Upanischaden unterscheidet sich die Lehre Buddhas, indem er den Gedanken von der Erlösung durch die Erkenntnis der Identität von Brahman und Atman durch den Gedanken des Nirwanas ersetzte, des »Verwehens«, der Vernichtung des Leidens, des Verlöschens des »Durstes«, d.h. der Lebensgier. Im Mittelpunkt der Lehre stehen dementsprechend die »vier edlen Wahrheiten»: die edle Wahrheit vom Leiden, von der Entstehung desselben, von seiner Vernichtung und schließlich dem zur Vernichtung des Leidens führenden Weg. Dieser ist der »edle, achtteilige Pfad«, also rechte Anschauung, rechtes Wollen, rechtes Reden, rechtes Tun, rechtes Leben, rechtes Streben, rechtes Gedenken und rechtes Sichversenken. Die buddhistische Ethik steht im Dienst der Selbsterlösung. Diesem Ziel dienen die Forderung nach Gewaltlosigkeit (Ahimsa), der mitleidsvollen Liebe (Maitri) sowie schließlich der Enthaltsamkeit.
Buddha, mit richtigem Namen Prinz Siddharta Gautama, wurde um 543 v. Chr. am Fuße des Himalaya geboren. Seine erste Predigt, in traditioneller Bezeichnung das »Inbewegungsetzen des Rades der Lehre«, war nicht allein der Anfang der Ausbreitung buddhistischer Gedanken, sondern zugleich die Begründung der Ordensgemeinschaft buddhistischer Mönche (Sangha), denen Buddha nach seiner Predigt die erbetene Mönchsweihe erteilte. Erst nach anfänglicher Ablehnung nahm Buddha auch Frauen in seinem Orden auf. Da Buddha sowohl kultische Handlungen als auch metaphysische Fragen bewußt ablehnte, stellen sich viele die Frage, ob es sich um eine richtige Religion handle, da Gott oder Götter zwar nicht geleugnet, aber als erlösungsbedürftig betrachtet werden und der Existenzweise des Mönches wertmäßig untergeordnet sind. Dem Europäer verlangt´s halt nach einem ordentlichen, über allen Dingen schwebenden Gott, möglichst mit Adresse im Vatikan. Menschliche Züge, wie sie ja auch die griechischen Götter besaßen, darf er heute nicht aufweisen; da mangelt´s an Distanz. Einen allmächtigen Vater, eine klare Führerpersönlichkeit, keinen armseligen Wegweiser wünscht der europäische Zwangsneurotiker.
Abgesehen davon, dass der Buddhismus das moralische Empfinden formt, ein gesellschaftliches Gemeinschaftsgefühl und inneren Halt vermittelt, verlieh er auch dem künstlerischen Schaffen starke Impulse. Davon zeugen, ganz wie die mittelalterlichen Kathedralen Europas vom christlichen Glauben, die unzählichen thailändischen Tempel mit ihren übereinander angeordneten Dächern.
Kaum eine thailändische Familie, in der nicht mindestens ein männliches Mitglied die Lehren Buddhas als Mönch in einem Kloster studiert hätte. Seit Menschengedenken wird nämlich von männlichen Buddhisten über zwanzig Jahren erwartet, dass sie sich wenigstens einmal in ihrem Leben als Mönch ordinieren lassen, und sei es nur für die Zeit von fünf Tagen bis drei Monaten. Dies geschieht vornehmlich während der alljährlichen dreimonatigen Klausur in der Regenzeit, wenn alle Mönche in ihren Klöstern bleiben.
Neben ihren religiösen Aufgaben im engeren Sinne übernehmen thailändische Tempel weitere, durchaus praktische Aufgaben: sie dienen als Dorfherberge, »Nachrichtenzentrale«, »Arbeitsamt«, Schule, Krankenhaus, Apotheke und Gemeindezentrum, spielen in der thailändischen Gesellschaft also eine wichtige Rolle.
Minderheiten wie Moslems (4 %), Christen (0,6 %), Hindus und Sikhs profitieren von traditionell in Thailand verankerten religiösen Freiheiten.