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Tempel

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Religion in Macau

Kun Iam-Tempel

Avenida do Coronel Mesquita. Der Göttin der Gnade und Barmherzigkeit geweiht, soll diese Tempelstätte angeblich bis auf die Epoche der Ming-Dynastie vor mehr oder weniger viertausend Jahren zurückgehen. Die gegenwärtigen Gebäude stammen aus dem Jahre 1627 und nehmen den Platz eines Vorgängerbaues aus dem 16. Jahrhundert ein. Einige Heiligtümer innerhalb des Tempels sind auch der Göttin A-Ma geweiht.

Zurück in die Geschichte!

Wenngleich sich Mythen und Legenden um die Vergangenheit des Tempels ranken, wurde dieser Schauplatz eines ganz konkreten Ereignisses: am 3. Juli 1844 setzten hier Ki Ying, chinesischer Vizekönig in Kanton, und Caleb Cushing, ehemals Deputierter von Massachusetts im Senat und dann im Auftrag des amerikanischen Präsidenten John Tyler zum »Botschafter, Sonderbeauftragten und Minister mit allen Vollmachten« in China ernannt, ihre Unterschrift unter den ersten Handels- und Freundschaftsvertrag mit China. Der runde Granittisch mit vier einfachen Hockern, wo dieses Abkommen dereinst ausgehandelt wurde, steht bis heute an seinem schattigen Platz. An der Wand dahinter eine weiße Marmortafel mit Einzelheiten zum Wang-Sha-Vertrag (in chinesischer Sprache): da ist u.a. die Rede vom Austausch wichtiger nationaler Interessen und von immerwährender Freundschaft zwischen China und den USA. Angeblich soll Cushing überrascht gewesen sein, wie schnell die chinesischen Unterhändler der Unterzeichnung des Vertrags zustimmten, nachdem man von offizieller Seite jahrzehntelang Gleichgültigkeit, ja Feindseligkeit gegenüber den USA zur Schau getragen hatte.

Vom gummibaumbeschatteten Innenhof aus führt eine Steintreppe nach oben, von zwei in Granitstein gehauenen Löwen flankiert. Beide tragen eine runde Steinkugel im Maul, mit der es folgende Bewandtnis hat: dreht man sie dreimal nach links, so wird einem ein besonderes Glück zuteil. Gottlob sind die Kugeln gefettet, so dass sie sich leichter drehen lassen. Nur mit den Fingerspitzen zu berühren!

Im Inneren des Haupttempels erkennen wir unter zwei Buddhas und achtzehn goldenen Lackfiguren weiser chinesischer Persönlichkeiten in einer der Glasvitrinen auch den venezianischen Weltumsegler Marco Polo, der während seines Chinaaufenthalts am Hof des Großkhans angeblich zum Buddhismus übertrat (letzte Figur auf der linken vorderen Seite). Polos hervortretende runde Augen, die auffällig breite Nase, der Schnurrbart und der kleine lockige Kinnbart sollen seine europäische Herkunft betonen. Mit diesen Augen sehen uns also jene, die wir in Gestalt von Reisegruppen häufig auf das Merkmal schlitzförmiger Mandelaugen reduzieren. Gleich nebenan ein Tischchen, an dem ein Tempeldiener Weihrauch und »Schicksalspapiere« verkauft. Wie´s funktioniert? Nun, nachdem Gläubige oder Besucher der Göttin Weihrauch oder ein Öllämpchen dargebracht haben – notfalls genügt auch eine ehrerbietige Körperhaltung – sagen chinesische Schriftzeichen auf dünnen, in einem Zylinder steckenden Bambusstücken die Zukunft voraus. Einfach den Zylinder solange schütteln, bis ein einzelnes Bambusstückchen herauskullert. Selbiges händigt man dem Herrn hinter besagtem Tischchen aus, der das chinesische Symbol mit dem »Schicksalspapier« vergleicht und sodann zum Preis von 6 MK.$ schicksalsverkündend tätig wird. Bei Nichtbehagen der Übersetzung darf man sein Schicksalspapier zurückgeben und es noch einmal versuchen, notfalls sogar ein drittes oder viertes Mal. Irgendwann muß es doch klappen mit der Jugendstilvilla am Stadtpark ...

Doch zurück zun den drei erhöhten Altären: der erste ist Buddha gewidmet, wo dem drei große Goldlackbilder hinter dem Altar in einer Glasvitrine stehen. Hier beten die Tempelmönche häufig für die Gläubigen. Der zweite Altar ist dem Erleuchteten Buddha geweiht, dessen goldene Lackfigur hinter dem Altartisch auf einem Lotusthron ruht, dem Symbol des Buddhismus. Der dritte und letzte Altar dient der Verehrung Kun Iams, Göttin der Barmherzigkeit, Himmelskönigin und damit Konkurrentin unserer Gottesmutter Maria. Das Ebenbild der Göttin, in ein chinesisches Brautkleid gewandet, thront hoch über dem Altartisch.

Unterhalb der Treppenstufen zum Hauptaltar gelangen wir durch eine Tür auf der rechten Seite in ein Gärtchen mit reicher Vegetation rund um einen Lotusteich. Dessen Mitte markiert ein einzigartiges Exemplar eines Bonsaibaumes, dessen Krümmung nach Jahrzehnten die Form des chinesischen Schriftzeichens für »langes Leben« angenommen hat. Unmittelbar vor dem Garten ein kleiner Raum mit Ahnenfiguren; Holztafeln gemahnen hier an das Leben der Altforderen.

In der großen offenen Halle hinter uns finden sich die Mönche des angegliederten Klosters zu Zeremonien und Totenmessen zusammen. Bei diesen Gelegenheiten werden kostbare, alte, bemalte Schriftrollen aus den Schatztruhen des Tempels hervorgeholt und im Andachtsraum aufgehängt. Oft ertönt während der Messen sogar die überkommene Flöten-, Trommel- und Zimbelmusik.

Achtung Fotografen

Im Tempel ist Fotografieren außerhalb der Messen zwar erlaubt. Wenn man Mönche allerdings ohne deren Einwilligung ablichtet, wird dies als schlechtes Omen oder Ungehörigkeit angesehen!

Bewegen wir uns nun durch die Tür an der unteren rechten Wand der Kammer, wo uns eine Treppe hinunter in einen kleinen Vorraum geleitet. Hier erwartet uns das uralte Bildnis Toh-Chai-Fats, in der westlichen Welt als »Lachender Buddha« bekannt. Durch den Korridor erreicht man nun den Hauptgarten des Tempels mit dem bereits beschriebenen, berühmten Verhandlungstisch.

Fast hätten wir´s vergessen: im großen chinesischen Garten hinter dem Tempel sorgen nicht nur Blumen, Büsche und Brunnen für fernöstliche Atmosphäre; hier wächst auch der Baum der Liebenden, um dessen vier Stämme – möglicherweise sind mehrere Bäumen zusammengewachsen – sich zahlreiche Legenden ranken: die romantischste berichtet von einem jungen Liebespaar, das nicht heiraten durfte und deshalb gemeinsam in den Tod ging. Das alte Lied ... An der Stelle, wo die beiden angeblich begraben liegen, wuchsen zwei Bäume für die Ewigkeit zusammen.