Ecclesia
Ecclesia
Dem Versammlungsort der ersten griechischen Christen gab man den Namen ecclesia
(Versammlung des Volkes, Zusammenkunft) - den Athener Bürgern zufolge Ausdruck
eines gemeinschaftlichen Willens, auf dem sämtliche Macht ruhen sollte. Aus
spätgriechisch kyrikon wurde das deutsche Wort »Kirche« geboren.
Bis heute lassen sich in den Strukturen der griechisch-orthodoxen Kirche unschwer
die Spuren jener Epoche nachweisen, da die Gläubigen aktiv und unmittelbar an
religiösen Angelegenheiten teilhatten, sowohl auf administrativer als auch auf
geistlicher Ebene. Noch immer reagieren die Griechen allergisch auf die Vorstellung
einer religiösen Zentralmacht, was die Autonomie ihrer Kirche im Verhältnis
zum ökumenischen Patriarchen zu Konstantinopel erklärt (die griechische Kirche
ist »autokephal«) - aber auch ihr tiefes Mißtrauen gegenüber der Katholischen
Kirche und des im Vatikan verkörperten Machtmittelpunkts. Wiederholt hatte der
Vatikan auf dem Umweg über eine »Vereinigung« der Kirchen versucht, die Griechen
dem Papst zu unterwerfen. Vergeblich, denn die sahen Vorschläge dieser Art stets
als geeignet an, zu einer Schwächung der Orthodoxie und schließlich zum Verlust
ihrer Glaubensautonomie zu führen.
Man braucht nur der Ordination eines Popen oder der Weihe eines despotis (Bischofs)
beizuwohnen, um zu der Überzeugung zu gelangen, dass die Macht ihrer künftigen
Schäflein kein leeres Wort ist. Die Zeremonie findet in einer Kirche am Geburtsort
des künftigen Bischofs oder Popen statt (seinen Leumund kennt man dort notgedrungen
besser), im Verlauf einer besonderen Messe und in Anwesenheit der Gläubigen.
An einer bestimmten Stelle fragt der Prister seine Gemeinde, ob sie mit dem
Weihekandidaten einverstanden sind. »Ist er dessen würdig?« ruft er aus. Der
Kirchenkanon verlangt, dass die Antwort der Versammelten lautstark und freimütig
zu erfolgen hat; ein einziger Mißton (»Unwürdig!«) genügt, und der die Messe
zelebrierende Priester unterbricht die Zeremonie, um dem Protestierenden das
Wort zu erteilen, der dann öffentlich seine Bedenken kundzutun hat.
Ebenso aktiv wird der demos (Volk, im Altgriechischen) in den Ablauf der Messe
miteinbezogen. Die Worte des Diakons während der Liturgie, sein Dialog mit Popen
und Vorsängern, sein Anrufen Gottes - all das geschieht im Namen der Pfarreimitglieder.
Was die von byzantinischen Chören intonierten Texte betrifft, so stammen diese
gewöhnlich aus der Feder von Dichtern, Philosophen oder Theologen - Laien und
Ordinierten gleichermaßen - stets jedoch von leidenschaftlichen Anhängern der
klassischen Kultur: Romanos dem Hymnendichter, dem heiligen Johannes Chrysostomos,
dem heiligen Basilius oder von Gregor von Nazianz. Für die Vertonung sorgten
geniale Komponisten wie Ioannis Koukouzelis (14. Jahrhundert), Peter Peloponnes
oder Iakovos Protopsalis (18. Jahrhundert). Auch weiterhin werden sie in griechischen
Kirchen gespielt, die so die Tradition des byzantinischen Kirchengesangs aufrechterhalten.